Integration - eine Vision

Ein Leitfaden zur Europäischen Blindenunion


1. Über die Europäische Blindenunion

2. Über Blindheit und Sehbehinderung

3. Blindheit und Sehbehinderung - die demographischen Fakten
4. Diskriminierung und Rechte - die Europäische Blindenunion und die politische Agenda

5. Blindheit und Sehbehinderung - die Realitäten

1. Über die Europäische Blindenunion

Die Europäische Blindenunion (EBU) ist eine nichtstaatliche und gemeinnützige Organisation, die 1984 gegründet wurde. Wir sind eine von sechs regionalen Körperschaften der Weltblindenunion (WBU).

Teil der Aufgaben der EBU sind, laut Satzung

Die EBU hat derzeit 45 Mitgliedsländer. Das EBU-Netzwerk verfügt über ein umfassendes Fachwissen in allen Fragen, die Blindheit und ihre Folgen betreffen. Unsere Mitglieder bieten Dienstleistungen sowie Ausbildungs- und Beratungsangebote an und vertreten darüber hinaus die Rechte blinder und sehbehinderter Menschen. Wir betreiben Forschung, sensibilisieren die Öffentlichkeit für die Themen Blindheit und Sehbehinderung und befähigen Blinde und Sehbehinderte, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen und ihren Lebensvollzug aktiv zu gestalten.

Träger der konkreten Arbeit der EBU sind eine Reihe Kommissionen  Diese befassen sich schwerpunktmäßig mit bestimmten Handlungsbereichen, in denen sich unsere wichtigsten Interessen und Belange spiegeln. Hierzu zählen: Zusammenarbeit mit der Europäischen Union; Transport und Verkehr, Zugang zu Information, Zugang zu Technologie, Entwicklungsländer, Kultur, Erziehung, Rehabilitation und Beschäftigung, Rechte der Blinden und Sehbehinderten. Steuerungsgruppen wurden erstellt, um den besonderen Belangen bestimmter Gruppen Blinder und Sehbehinderter in geeigneter Weise nachzugehen (z.B. Jugendliche, ältere Menschen, Frauen, Sehbehinderte, Taubblinde, Blinde oder Sehbehinderte mit zusätzlichen Behinderungen.)


Das Büro der EBU hat seinen Sitz in Paris. Es ist zuständig für die Kommunikation innerhalb der EBU sowie für Informationen für die Öffentlichkeit. Das Büro gibt einen Newsletter heraus, der in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch erscheint.

Die EBU finanziert sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder und Sponsoren sowie durch Zuschüsse der Europäischen Kommission, die für Koordinierung und Projekte gewährt werden.

Die Beschlüsse der Europäischen Union haben erhebliche Auswirkungen für den Alltag blinder und sehbehinderter Menschen. Die EBU wirkt darauf hin, dass die Interessen Blinder und Sehbehinderter bei allen EU-Beschlüssen, die sie berühren, berücksichtigt werden. Um dies erreichen, versuchen wir, aktiv Einfluss auf die Gestaltung der EU-Politik zu nehmen. Wir haben gute Beziehungen zu den Mitgliedern des Europäischen Parlaments, zu den Beamten der Europäischen Kommission und den europäischen Expertengruppen, zum Europäischen Behindertenforum sowie zu den nationalen Regierungsbeamten, die am EU-Entscheidungsverfahren mitwirken.

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2. Über Blindheit und Sehbehinderung

Der Begriff "Personen mit Visusverlust" bezieht sich auf eine denkbar große Bandbreite von Betroffenen, denen der unwiderrufliche Verlust des Sehvermögens gemeinsam ist. Blindheit tritt stärker als jede andere Behinderung im fortgeschrittenen Alter auf.

Die Definitionen von Blindheit und Sehbehinderung sowie die Anerkennungskriterien und -verfahren sind in den einzelnen europäischen Mitgliedstaaten recht unterschiedlich. Allgemein gesprochen, entscheiden die Augenärzte (Ophthalmologen) in den einzelnen Ländern bei Vorliegen der folgenden Bedingungen, ob jemand als blind oder sehbehindert eingestuft werden kann:

Manche Menschen werden mit einem Sehproblem geboren. Bei anderen wird die Augenkrankheit vererbt, wie beispielsweise Retinitis Pigmentosa, die sich mit zunehmendem Alter verschlimmert. Manche Menschen erblinden aufgrund eines Unfalls, während bestimmte Krankheiten zu Leiden, wie z.B. zur diabetischen Retinopathie, führen können.

Menschen mit Sehproblemen kommen aus allen sozialen Schichten und leben unterschiedliche Lebensweisen. Jeder ist auf individuelle Weise betroffen, so dass nicht jeder dieselbe Erfahrung macht. Die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens in Europa sind altersbedingte Augenleiden. Bei älteren Menschen kann das Sehvermögen beeinträchtigt werden durch Erkrankungen, wie z.B. Makuladegeneration oder Katarakt.

In den ärmeren Ländern der Welt verlieren Millionen von Menschen ihre Sehkraft als Folge von Krankheiten, die man heute eigentlich mühelos in den Griff bekommen müsste.

Einer recht häufigen Mythenbildung zufolge können Blinde gar nichts sehen. Tatsächlich verfügen die meisten Blinden jedoch über einen praktisch verwertbaren Sehrest. Manche sehen alles verschwommen. Bei anderen ist das zentrale Sehen ausgefallen; sie können jedoch an den Rändern sehen. Wiederum andere haben einen "Tunnel - oder Röhrenblick". So gibt es viele verschiedene Arten von Fehlsichtigkeit, die jedoch alle ihre jeweils eigenen typischen Beeinträchtigungen hervorrufen.

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3. Blindheit und Sehbehinderung - die demographischen Fakten

In den 45 Mitgliedsländern der Europäischen Blindenunion gibt es rund 30 Millionen Blinde und Sehbehinderte. Diese Zahl beruht auf der Annahme, dass 1 von 30 Menschen blind oder sehbehindert ist, und berücksichtigt die verschiedenen Blindheitsdefinitionen.


3.1. Ältere Menschen

Blindheit und Sehbehinderung sind in hohem Maße altersbedingt. Da die Menschen immer länger leben, nimmt die Zahl blinder und sehbehinderter Menschen zu. Rund 90% aller Blinden und Sehbehinderten in Europa sind über 60 Jahre. Zwei Drittel sind über 65. Zusätzlich zum Verlust des Augenlichtes können bei älteren Menschen weitere Gesundheitsprobleme auftreten, wie beispielsweise der Verlust des Hörsinnes oder Mobilitätsbeeinträchtigungen. Das Erlernen neuer Techniken zur Bewältigung des Alltags gestaltet sich für sie zunehmend schwierig. Zudem sind ihre Chancen auf Rehabilitation oder Registrierung als behindert, ziemlich gering, denn sie erleben ihre Schwierigkeiten vielfach „nur als Teil des älterwerdens”. Organisationen, die Dienste für ältere Menschen anbieten, kennen sich mit Sehproblemen vielleicht nicht immer hinreichend aus. Hieraus folgt, dass älteren Menschen die Angebote unterstützender Dienste weniger gut bekannt sind und das Risiko zu vereinsamen zunimmt.


3.2. Kinder und Jugendliche

Eine solide Erziehung ist für blinde und sehbehinderte junge Menschen unbedingt notwendig, insoweit diese ihnen die Fertigkeiten für ein sinnerfülltes Leben vermittelt. Deshalb sollten sie und ihre Eltern an der Entscheidung in Bezug auf die Wahl der schulischen Bildung sowie andere wichtige Aspekte ihres Lebens unmittelbar beteiligt sein. Sie sollten in den Organisationen, die ihre Belange vertreten, wie auch an der Gesellschaft im allgemeinen Sinne aktiv mitwirken und nicht nur Bezieher sozialstaatlicher Vergünstigungen sein. Eine integrative Erziehung hilft beim Aufbau einer integrativen Gesellschaft, weil hier nicht behinderte und behinderte Kinder gemeinsam aufwachsen und von früh auf erfahren, was sie unterscheidet. Daneben können sich blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche auch für die Erziehung in einer sonderpädagogischen Einrichtung entscheiden.


3.3. Frauen

Blinde und sehbehinderte Frauen werden oft in einem doppelten Sinn diskriminiert, und zwar aufgrund ihres Geschlechts und der Behinderung. Die volle Teilhabe an Gesellschaft, Beruf und am kulturellen Leben der Gemeinschaft, neben der eigenen Familie, verlangt von blinden und sehbehinderten Frauen ungleich größere Anstrengungen.

Die EBU-Frauenkommission, die jetzt in der Kommission für Gleichstellung und Vielfalt aufgegangen ist, hat viel dazu beigetragen, dass Frauen die Hürden überwinden, die einer vollen Teilhabe in ihren Organisationen und in ihrem Alltag entgegenstehen. So hat beispielsweise die Kommission mit finanziellen Mitteln der EU ein Pilotprojekt durchgeführt, das die besonderen Probleme blinder und sehbehinderter Frauen untersuchte, die Opfer von sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt geworden sind.


3.4. Mehrfachbehinderte

Viele blinde und sehbehinderte Menschen haben zusätzliche Behinderungen, die entweder angeboren oder neo natal entstanden sind, d.h. aufgrund von Komplikationen kurz nach der Geburt. Schwerstbehinderte mit komplexem Hilfebedarf zählen zu „den schwächsten Gliedern im Kreis der Ausgegrenzten”. Häufig bleibt ihnen und ihren Angehörigen die Achtung, Unterstützung und Solidarität der Gemeinschaft verwehrt, deren sie dringend bedürfen, um ihre schweren Aufgaben bewältigen zu können.

Eltern und Experten, die mit mehrfach behinderten Blinden und Sehbehinderten zusammenarbeiten, brauchen die richtige Ausbildung, Unterstützung und Dienste, wie z.B. sonderpädagogische Einrichtungen für Jugendliche und geschützte Werkstätten für Erwachsene, deren Behinderung so schwerwiegend ist, dass ihre Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr in Frage kommt. Bei Mehrfachbehinderten kann es passieren, dass eine Erblindung oder Sehbehinderung nicht richtig erkannt oder behandelt wird. Der Anteil aller Schwerstlernbehinderten, die zusätzlich blind oder sehbehindert sind, wird beispielsweise auf mindestens 25-30% geschätzt.

Bei älteren Menschen kommen häufig Mobilitätsbeschränkungen zum Verlust des Seh- und Hörvermögens hinzu.


3.5 Sehbehinderte

Die Zahl sehbehinderter Menschen ist weitaus größer als die der Blinden. Viele gehören zur Gruppe derjenigen, deren Augenlicht mit zunehmendem Alter immer schwächer wird. Die für Sehbehinderte erforderlichen Lösungen und Maßnahmen unterscheiden sich häufig völlig von denen, deren Blinde bedürfen. Low-Vision-Hilfsmittel, wie beispielsweise vergrößernde Sehhilfen und Bildschirmlesegeräte, sind wichtig. Produkte und eine Umwelt, deren Gestaltung den Bedürfnissen Sehbehinderter entspricht, können den entscheidenden Unterschied bewirken.


3.6 Taubblinde

Taubblindheit ist eine eigenständige Behinderung. Man sollte Taubblinde nicht als Blinde mit Zusatzbehinderungen betrachten. Die Belange dieser Gruppe werden von einer speziellen Organisation, der Europäischen Taubblindenunion, vertreten, mit der die EBU eng zusammenarbeitet. Der Begriff „Taubblindheit” beschreibt eine Erkrankung, bei der sich sowohl Hör- als auch Sehverlust im unterschiedlichen Umfang miteinander verbinden. Die Auswirkungen beider Sinnesbehinderungen verstärken und verschärfen sich wechselseitig, wobei eine schwere Behinderung entsteht, die sich von anderen Behinderungen unterscheidet und einzigartig ist.


3.7 Ethnische Gruppen

Manche ethnische Gruppen sind im besonders hohen Maße von bestimmten Augenerkrankungen bedroht. Menschen afro-karibischer Herkunft beispielsweise sind besonders gefährdet, an Glaukom (Grüner Star) zu erkranken. Diese genetische Veranlagung ist vielfach gesetzlich nicht allgemein anerkannt, so dass die Angehörigen mancher ethnischen Gemeinschaften, wenn sie erblinden, häufig Schwierigkeiten beim Zugang zu Diensten erfahren, die für ihre Bedürfnisse und kulturelle Identität besonders wichtig sind.


3.8 Blindheit und Sehbehinderung in den Entwicklungsländern

Weltweit gibt es etwa 180 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen. 45 Millionen von ihnen sind blind, 135 Millionen haben eine weniger schwerwiegende Sehbehinderung. Rund 80% aller Blinden und Sehbehinderten leben in Entwicklungsländern, wo Erblindung sehr häufig die Folge von Infektionen aufgrund unzureichender Hygiene, Umweltfaktoren oder Unterernährung ist. Weitere Erkrankungen, die zur Erblindung führen, sind u.a. Grauer Star, Diabetis, Trachom, Flußblindheit und Benetzungsstörungen des Auges („Trockenes Auge”). Kriege und gewaltsame regionale Konflikte sowie Naturkatastrophen können ebenfalls Ursachen für Blindheit sein.

Schätzungen zufolge werden im Jahre 2020 50 Millionen oder 93% der insgesamt 54 Millionen über 60jährigen Blinden und Sehbehinderten in Entwicklungsländern leben.

Viele der genannten Sehbehinderungen ließen sich ohne weiteres verhüten oder durch richtige Ernährung, Impfung, Umweltprogramme und regelmäßige Augenuntersuchungen vermeiden.

Behinderte gelten in Entwicklungsländern häufig als Familienschande. Ihr menschlicher Wert wird als gering angesehen. Blinde oder sehbehinderte Töchter oder Ehefrauen werden als besonders schwere Last für die Familie wahrgenommen. Behinderten in Entwicklungsländern hilft am besten, indem man ihnen durch Rehabilitation wieder zur Selbständigkeit verhilft und ihnen eine berufliche Ausbildung zukommen lässt. Auf diese Weise erlangen sie ihre menschliche Würde wieder zurück.

Für die EBU ist der Aufbau von Kooperation mit den Entwicklungsländern ein zweigleisiger Prozess. Er bedeutet Interaktion, d.h. ein Geben und Nehmen zwischen Partnern sowie Bereicherung des Wissens und Vertiefung des Lebens. Der Begriff der nachhaltigen Unterstützung bedeutet, dass man die eigenen Ressourcen und das eigene Know-how des Empfängerlandes zur Grundlage von Hilfsmaßnahmen macht. Diese Grundsätze werden vom EBU-Entwicklungsländerfonds bei der Arbeit in Afrika und anderen Entwicklungsländern angewandt. Um den Zugang für Organisationen in Entwicklungsländern und deren Partnern zu erleichtern, hat die EBU auf ihrer Webseite die Rubrik „Ressourcen” geschaffen, wo man Informationen über technische Hilfsmittel findet.

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4. Diskriminierung und Rechte - die Europäische Blindenunion und die politische Agenda

Blinde und Sehbehinderte sehen sich am Arbeitsplatz, bei der Arbeitssuche, im Café, Supermarkt oder Krankenhaus tagtäglich mit Diskriminierungen und Verletzungen ihrer Rechte konfrontiert. Der Kampf gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte steht im Zentrum der EBU-Kampagnen.

Die EBU ist der Ansicht, dass Kampagnen auf vielen Ebenen und innerhalb eines Politikrahmens zu führen sind, der sich der folgenden drei wichtigen Instrumente bedient:

Gesetzlicher Schutz ist ein wesentlicher Faktor. Die EBU war ein wichtiger Akteur in der Kampagne für die Aufnahme eines Verweises auf Diskriminierung aufgrund von Behinderung in Artikel 13 des Europäischen Vertrages aus dem Jahre 1997, mit dem die Europäische Union zum ersten Mal eine Rechtgrundlage für die Bekämpfung von Diskriminierungen erhielt. Der Antidiskriminierungsplan der Kommission sowie die EU- Richtlinie über die Gleichstellung in Arbeit und Beruf sind unmittelbare Folgen des Artikels 13.

Die EBU unterstützt die Vorschläge des Europäischen Behindertenforums für eine behindertenspezifische Richtlinie über Antidiskriminierung, die im März 2003 im Rahmen des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen auf den Weg gebracht wurde. Diese würde alle Bereiche der EU-Handlungskompetenz behandeln und insoweit helfen, diskriminierende Barrieren in Politikbereichen wie Erziehung, sozialer Schutz, Gesundheit, Verbraucherfragen und Telekommunikation zu beseitigen und die Zugänglichkeit von Fertigwaren zu verbessern.

Die EBU ist der Ansicht, dass eine breite Definition der Nichtdiskriminierung in der neuen EU-Verfassung wertvoll ist und befürwortet, dass alle Entscheidungen, die die Nichtdiskriminierung betreffen, mit qualifizierter Stimmenmehrheit entschieden werden sollten, um Fortschritte zu erleichtern.

In mehreren EU-Mitgliedstaaten gibt es bereits ein Antidiskriminierungsgesetz. Im EBU- Netzwerk tauschen wir Informationen und Erfahrungen über diese verschiedenen Ansätze aus. Ohne Zweifel hat ein umfassendes und durchsetzbares Diskriminierungsverbot die Kraft, die physische und soziale Umwelt sowie den IT-Bereich zu verändern und die Schaffung neuer Barrieren zu verhindern.

Die Rahmenrichtlinie über Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf wird z.Zt. auf nationaler Ebene umgesetzt. Obwohl Fortschritte offenbar nur langsam erfolgen, sieht die EBU die Notwendigkeit, die Umsetzung sorgfältig zu beobachten und ihre Auswirkungen auf die Beschäftigungslage blinder und sehbehinderter Menschen abzuschätzen.

Verschiedene europäische Länder haben eine Beschäftigungsquote eingeführt, die private und öffentliche Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, einen bestimmten Anteil Behinderter einzustellen - häufig in traditionellen Berufsbereichen, wie z.B. den des blinden oder sehbehinderten Telefonisten. Inzwischen geht die Arbeitsgesetzgebung von diesem Trend wieder weg und versucht, die Pflichtplatzzahl abzuschaffen mit dem Risiko, dass die Beschäftigtenzahlen Blinder und Sehbehinderten wieder abgebaut werden.

Die EBU ist der Auffassung, dass das Quotensystem in einigen Ländern, zumal in Übergangszeiten, als eines von mehreren Instrumenten genutzt werden kann, um die Beschäftigungssituation blinder und sehbehinderter Menschen zu fördern.

Länder ohne Quotensysteme verfügen andererseits über mehr Erfahrungen mit der Diversifikation von Arbeitsplätzen und der Eingliederung Behinderter in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Deshalb ist es sehr wichtig, Beispiele für bewährte Verfahren in diesem Bereich zu verbreiten.

Daneben ist es wichtig zu gewährleisten, dass genügend Chancen entlang des gesamten Kontinuums von Entscheidungsmöglichkeiten erhalten bleiben, unter Nutzung positiver Maßnahmen, wie beispielsweise Blindenwerkstätten, kleine Blindenerwerbsbetriebe und Lohnzuschüsse für Personen, deren Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt ohne Unterstützung nicht möglich ist.

Die EBU befürwortet alle ergänzenden positiven Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung Behinderter. So haben wir uns z.B. nachdrücklich dafür eingesetzt, dass in den Rechtsrahmen für die Vergabe von öffentlichen Aufträgen Zugänglichkeitskriterien sowie die Schaffung von Anreizen für die Beschäftigung Behinderter aufgenommen wurden. Hiernach würden Unternehmen, die sich nachweislich zu ihrer sozialen Verantwortung bekennen, d.h. die bevorzugt Behinderte einstellen oder deren Produkte barrierefrei gestaltet sind, zusätzliche Punkte bei der Zuschlagserteilung von öffentlichen Aufträgen bekommen.

Die EBU und ihre Mitgliedsorganisationen arbeiten mit der Europäischen Union und den nationalen Institutionen in allen Fragen eng zusammen, die die europäischen Strategie zur Beschäftigung Behinderter bzw. zur Vermeidung sozialer Ausgrenzung sowie die nationalen Aktionspläne betreffen, mit denen die Umsetzung der Politik in die Praxis vorangebracht wird. Ziel hierbei ist die Gewährleistung, dass die Probleme Blinder und Sehbehinderter auf allen Politikebenen und bei allen Maßnahmen berücksichtigt werden.

Im gesamten EBU-Netzwerk gibt es ständige Bemühungen, die öffentlichkeit für die Belange Blinder und Sehbehinderter zu sensibilisieren, um die durch negative Einstellungen und Unkenntnis bewirkte Diskriminierung zu verhüten und die Gleichstellung Blinder und Sehbehinderter zu fördern. Vorbildliche Verfahren, z.B. bei Arbeitgebern und in der Wirtschaft, erkennen wir an und fördern diese.

Auf internationaler Ebene ist die EBU im Bereich der Schaffung eines weltweiten, umfassenden und durchsetzbaren internationalen Rechtsinstruments tätig und beteiligt sich an einer Arbeitsgruppe, die den Entwurf einer UN-Konvention für den Schutz und die Förderung der Rechte und Würde von Menschen mit Behinderung erarbeitet.

Die EBU hat gemeinsam mit der Weltblindenunion ein Manifest vorgelegt, das in den genannten Entwurf einer UN-Konvention eingearbeitet werden wird. In diesem unterstreichen Blinde und Sehbehinderte weltweit die Bedeutung des Grundrechts auf volle Teilhabe an und Gleichstellung in der Gesellschaft, das Recht auf selbständige Lebensführung sowie auf die Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, staatsbürgerlichen und politischen Potenziale.

Die UN-Konvention wird der Umsetzung der UN-Rahmenrichtlinien für die Herbeiführung von Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung zusätzliche Schubkraft geben und die Antidiskriminierungsgesetzgebung der EU vervollständigen, die durch die vorgeschlagene behindertenspezifische Richtlinie zu ergänzen ist.

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5. Blindheit und Sehbehinderung - die Realitäten

Wie erfolgreich Blinde und Sehbehinderte ihren Alltag bewältigen, schwankt im hohen Maße und hängt u.a. ab von der Schwere der Behinderung, den jeweiligen Lebensumständen sowie ganz wesentlich von der Qualität der Unterstützungsangebote, auf die sie bei der Überwindung der Barrieren, angewiesen sind, auf die sie vielfach stoßen. Im Folgenden seien deshalb einige der größten Herausforderungen in Form beispielhafter Zitate angeführt, in denen blinde und sehbehinderte Menschen berichten, was sie von diesen Problemen halten und wie sie mit ihnen umgehen.

5.1 Soziale Ausgliederung und Armut

Blinde und Sehbehinderte zählen zweifelsohne zu den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft und gehören überwiegend den unteren Einkommensklassen der Gesellschaft an. Armut und soziale Ausgliederung sind untrennbar miteinander verbunden und bilden das Ergebnis einer komplexen Kombination verschiedener Faktoren, wie beispielsweise geringe Bildung, ungünstige Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, nicht ausreichender sozialer Schutz, Barrieren in Umwelt und Verkehr, negative Einstellungen und Vorurteile der Gesellschaft.

Wir waren so arm, als ich damals erblindete. Ich hatte als Köchin in London gearbeitet, musste diese Tätigkeit jedoch aufgeben. Wir mussten auf Vieles verzichten und kauften praktisch alles gebraucht. Es war ein richtiger Kampf ums Überleben. Unsere finanziellen Verhältnisse und die Möglichkeit, unsere Wohnung zu verlieren, deprimierten mich allerdings mehr als meine Erblindung.
(Jill, 62, Großbritannien)

Forschungen in Großbritannien haben gezeigt, dass Armut unter älteren blinden und sehbehinderten Menschen weit verbreitet ist. Über 90 % aller Haushalte, in denen ein älterer blinder oder sehbehinderter Mensch lebt, müssen mit einem Einkommen auskommen, das weniger als die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens (ein häufig verwendeter Armutsindikator) beträgt.

Blindheit und Sehbehinderung bedeuten unweigerlich Mehraufwendungen, die durch die alltägliche Lebensführung bedingt sind. Zu finanziellen Engpässen kommt es, wenn diese Kosten nicht beglichen werden können und Rehabilitation und Sonderbedarf sozialstaatlich nicht ausreichend aufgefangen werden.

Für die meisten Blinden und Sehbehinderten ist sehr schwierig, eine persönliche Assistenz zu bekommen, die die Einkäufe erledigt, Post vorliest oder auch einmal hilft, herauszukommen. Für den Behinderten sind dies echte Chancen, aber es ist schwer, die entsprechende Unterstützung zu bekommen. Leider gibt es immer dann keine Hilfe, wenn man sie braucht. Für junge Menschen ist es deshalb so schwierig auszugehen und für Berufstätige zur Arbeit zu kommen.

Ich habe das Glück, 10 Stunden die Woche eine Assistenz zur Verfügung zu haben, die vom Staat bezahlt wird. Ich habe das teilweise deshalb auch gemacht, um einen Präzedenzfall zu schaffen, den andere anführen können, wenn sie einen Antrag stellen. Wir setzen uns hierfür auch auf nationaler Ebene ein. Kürzungen der öffentlichen Hand haben weitreichende Auswirkungen auf unseren Alltag.

(Ann Christine, Schweden)

Die sozialen Kosten, die Blindheit und die verschiedenen auf nationaler und lokaler Ebene bestehenden Unterstützungsangebote verursachen, wurden im Rahmen von Studien untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Investitionen der öffentlichen Hand in das soziale und wirtschaftliche Empowerment blinder und sehbehinderter Menschen sich lohnen und helfen, Kosten zu sparen.


5.2 Erziehung und Bildung

Das öffentliche Bildungs- und Erziehungswesen muss leistungsfähig sein, um blinde junge Menschen mit den Fertigkeiten auszustatten zu können, die sie für ihre Selbständigkeit und Integration brauchen.

Die schulische Bildung gehört mit zu den wichtigsten Themen für alle Jugendlichen. Sie scheint der einzige sichere Weg zum Erfolg in unserer Gesellschaft zu sein. Bildung ermöglicht Integration - und zwar auf Grundlage der eigenen Anstrengungen des Blinden oder Sehbehinderten, nicht aufgrund von Mitleid. Bildung ist deshalb eine logische und geeignete Möglichkeit, Ausgrenzung zu bekämpfen.
(Einar, Norwegen)

Die EBU unterstützt die Ziele der integrativen Beschulung, bei der blinde und sehbehinderte Kinder sonderpädagogisch gefördert gemeinsam mit ihren sehenden Mitschülern und Mitschülerinnen in der Regelschule erzogen werden. Um beim Lehrplan mithalten zu können, ist es für sie jedoch unbedingt erforderlich, die richtige sonderpädagogische Unterstützung zu bekommen. Eine Expertengruppe der EBU hat Richtlinien und Unterrichtshilfen für Lehrer entwickelt, um Qualität in der förderpädagogischen Unterstützung sicherzustellen, die eine unabdingbare Voraussetzung für den erfolgreichen Verlauf der integrativen Beschulung bildet. Gleichzeitig erkennen wir an, dass manche Kinder, vor allem solche mit zusätzlichen Behinderungen, weiterhin an Sonderschulen erzogen werden müssen.

Die Blindenschule hat mich gründlich im Gebrauch aller alternativen Hilfstechniken unterwiesen, was mir ermöglichte, mich auf dem freien Arbeitsmarkt zu bewähren.

Janet arbeitet als Physiotherapeutin, lernt zwei Fremdsprachen, führt ein aktives soziales und kulturelles Leben, plant die Zukunft genauso wie ihre sehenden Freunde.

Ich finde, dass ich eigentlich nicht anders bin als sie, sagt sie, nur muss ich eben auf alternative Techniken zurückgreifen. Hier hat sich die Tschechische Blindenunion als Einrichtung für meine Weiterbildung und Persönlichkeitsentwicklung gut bewährt.
(Janet, 22, Tschechische Republik)


5.3 Beschäftigung

Weniger als ein Viertel aller Behinderten im erwerbsfähigen Alter gehen einer häufig schlecht bezahlten beruflichen Beschäftigung nach. Der Mangel an behindertengerecht ausgestatteten Arbeitsplätzen bildet zusammen mit den Vorurteilen der Arbeitgeber die größte Hürde für die Aufnahme einer beruflichen Beschäftigung.

Eleni ist 26 Jahre alt.
Ich arbeite als Telefonistin in einer psychiatrischen Klinik in Thessaloniki. Die Hauptprobleme, mit denen Blinde fertig werden müssen, sind die berufliche Beschäftigung und die Mobilität draußen auf der Straße mit all ihren Hindernissen. Der einzige Beruf, der für Blinde heute in Griechenland geeignet erscheint, ist der des Telefonisten, wobei es sich aufgrund des technischen Wandels um ein sterbendes Berufsbild handelt. Natürlich wünsche ich mir mehr Möglichkeiten, beruflich ganz einfach mal etwas anderes zu machen. Aber die Arbeitgeber trauen den Blinden nichts zu. Wir brauchen bessere Gesetze, die dies ändern. Blinde müssen nachweisen, dass sie eine berufliche Aufgabe erfüllen können, damit man sie nicht aus Mitleid einstellt. Aber erst brauchen wir die Gelegenheit, um uns zu beweisen.

Die oben zitierte Richtlinie für Gleichstellung im Beruf ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Die Beschäftigungschancen blinder und sehbehinderter Menschen gilt es auch in den Ländern zu verbessern, wo es eine Beschäftigungsquote gibt. Mit Hilfe der richtigen Unterstützung, Schulung der blindentechnischen Fertigkeiten und der Technologie sind Blinde und Sehbehinderte in der Lage, ihre Aufgaben am Arbeitsplatz zu meistern. Flexible Arbeitszeiten, die Bereitstellung eines Lesegerätes oder Lohn- und Gehaltszuschüsse sind dabei nur einige wenige Beispiele für positive Handlungen und vorbildliche Verfahren in der Arbeitswelt. Solche Maßnahmen sind besonders wichtig, um den Arbeitsplatz bei Eintritt der Erblindung oder Sehbehinderung zu erhalten.

Adam, Professor für Chemie in Warschau, erblindete durch einen Unfall, schaffte es jedoch, seinen gewählten Berufsweg erfolgreich fortzusetzen. Technische Hilfsmittel sind bei seiner täglichen Arbeit sehr hilfreich. Anfangs hatte er nur eine Schreibmaschine und einen Kassettenrecorder. Später bekam Adam dann im Rahmen eines Stipendiums der Humboldt-Stiftung von deutschen Wissenschaftlern ein Gerät. Der Computer mit Sprachausgabe und Scanner macht sein Leben jetzt einfacher. Adams Fähigkeiten, seine aktive Einstellung und die Unterstützung durch seine Kollegen waren für die wunderbaren Ergebnisse, die er in seiner wissenschaftlichen Arbeit erzielte, die wesentlichen Voraussetzungen.


5.4. Teilhabe an der Gemeinschaft

Die volle Teilhabe am Leben der Gemeinschaft ist häufig beschränkt, wobei die Inspruchnahme sozialer, kultureller und politischer Möglichkeiten und die Mitwirkung an Beschlüssen vielfach nur unzureichend unterstützt werden. Blinde und Sehbehinderte möchten sich wie alle anderen Menschen als Teil der Gesellschaft fühlen, Freizeit- und Kulturangebote an der Seite ihrer sehenden Mitmenschen nutzen.

Aus Italien Vanda, 73, und ihr Ehemann, beide blind, wurden vor einiger Zeit im Urlaub von ihren nichtblinden Mitreisenden praktisch ignoriert, bis das Hotel eine Party veranstaltete.
Die Band spielte erst einen langsamen Tanz, dann eine Polka. Niemand tanzte. Vielleicht wartete sie auf den Superhit des Sommers, Chiwawa. Der Polkarhythmus zog Luigi und mich unweigerlich auf die Tanzfläche. Dort fingen wir an zu tanzen, vergaßen die Menschen um uns herum, wobei wir uns wie zwei Teenager fühlten. Dann, nach dem Tanz, lauter, befreiender Beifall, viele Komplimente, viele Fragen. Wir hatten es geschafft! Von da an war es so, als ob wir gerade angekommen wären, und wir waren für alle „normale” Gäste.


5.5 Nichtbarrierefreie Produkte und Dienstleistungen

Nichtzugängliche Dienstleistungen und Produkte schaffen Barrieren für die Chancengleichheit blinder und sehbehinderter Menschen. Diese Barrieren können physisch, z.B. Verkaufsautomaten, oder aber technologisch bestimmt sein, wie z.B. eine Computersoftware, die nicht angepasst werden kann. Es kann sich aber auch um weniger offensichtliche Hürden handeln, wie zum Beispiel Fahrpläne, die nicht lesbar sind.

Die EBU arbeitet gemeinsam mit anderen wichtigen Partnern wie dem Europäischen Behindertenforum daran, Barrieren für die Chancengleichheit abzubauen. Teil diese Arbeit ist die Einflussnahme auf Dienstleister, Hersteller, Gesetzgeber, Regulierungsbehörden und Normungsinstitute mit dem Ziel, das Konzept der Gestaltung für Alle in deren Tätigkeit zu integrieren. Denn wenn die Bedürfnisse sensibler Gruppen wie Blinde und Sehbehinderte bereits im Design- und Planungsstadium von Produkten und Dienstleistungen berücksichtigt werden, kommen die Ergebnisse in der Regel auch der allgemeinen Bevölkerung zugute. Man vermeidet zudem kostspielige Zusatzeinrichtungen, Anpassungen und nachträgliches Umrüsten.

Hannes, 48, erblindete als Kind und machte eine Ausbildung zum Priester. Sowohl beruflich als auch privat als eifriger Wanderer, ist das Mobiltelefon für ihn zu einem wichtigen Instrument und Sicherheitsgerät geworden, wenn er draußen unterwegs ist. Allerdings gibt es beim Gebrauch des Handys ein Problem. Hannes kann das Display nicht lesen und auch das Entziffern einer SMS ist ihm ohne fremde Hilfe nicht möglich. Hannes und viele andere blinden und sehbehinderten Finnen können es so gar nicht verstehen, dass die Hersteller, die die Mobilfunktechnologie ständig weiterentwickeln, so wenig Interesse an der Entwicklung einer Funktion haben, mit der es möglich wäre, Text in Sprache umzuwandeln.

Die Gestaltung zugänglicher Mobilfunksysteme durch Kombinieren bestimmter Handgeräte mit Zusatzsoftware ist durchaus möglich. Diese Geräte sind jedoch sehr viel teuerer, und das Angebot ist viel geringer als für Sehende.

Ein gelungenes Beispiel für Gestaltung für Alle in der Praxis ist das Design der Euro-Geldscheine. Die EBU hat mit dem Europäischen Währungsinstitut eng zusammengearbeitet, um die neuen Geldscheine möglichst verbraucherfreundlich für Blinde und Sehbehinderte zu machen.

Auch der Euro ist ein echter Vorteil für mich. Früher hatte ich immer Probleme mit dem Geld - den unbekannten Münzen und Scheinen, die ich nicht auseinander halten konnte.
(Evelyn, Deutschland)

Gestaltung für Alle bedeutet die Entwicklung alltäglicher Produkte und Dienstleistungen dergestalt, dass ihre unbeschwerte Nutzung vielen Menschen möglich ist - unabhängig vom Alter und den jeweiligen Fähigkeiten. Das Konzept erkennt an, dass "Fähigkeiten" ein Kontinuum darstellen und dass die Gebrauchsfähigkeit von Produkten möglichst viele verschiedene Bedürfnissen abdecken sollte. Dies bedeutet wiederum nicht, dass alle Produkte von allen behinderten Menschen verwendet werden können. Einen bestimmten Bedarf an unterstützenden Hilfsmitteln und Geräten wird es immer geben, insbesondere für jene, die schwere sinnesmäßige und kognitive Behinderungen haben.


5.6. Telekommunikation und digitales Zeitalter

Blinde und Sehbehinderte werden zu den Verlierern im digitalen Zeitalter gehören, wenn es ihnen nicht gelingt, die neuen Technologien zu gebrauchen, anzupassen oder zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen.

Rachel aus Großbritannien sieht gerne gemeinsam mit Freunden und der Familie fern. Selten sitzt sie allein vor dem Fernseher, weil der Versuch, die Sendung zu verfolgen, zu frustrierend ist.

Ich möchte die Sendungen sehen, die auch die anderen sehen, muss mich aber immer anstrengen, um alles mitzukriegen. Ich möchte wie meine sehenden Freunde mitreden können über das, was auf dem Bildschirm passiert.

Die EBU fördert die Audiodeskription, bei der szenische Beschreibungen und Kommentare in die Dialogpausen von Filmen und Fernsehsendungen eingefügt werden, die Blinden und Sehbehinderten helfen, die Handlung zu verstehen. Hierfür lassen sich Übertragungs- und Empfangsgeräte problemlos in die digitale Technologie integrieren.

Für meine Begleiter ist es bei den meisten Filmen eine Überforderung, mir alles, was sich auf der Leinwand tut, knapp und klar ins Ohr zu flüstern. Dann ist für uns beide der Filmgenuss getrübt. Als ich durch Zufall im Fernsehen einen Film mit Audiodeskription sah, war ich ganz begeistert. Die gesamte Handlung kam durch die Bildbeschreibungen klar und präzise rüber, die Sprecherstimme klang angenehm, die Stimmung des Films wurde nicht beeinträchtigt. Endlich konnte ich wieder ohne Hilfe einen Film genießen.
(Evelyn, Deutschland)

Der Umfang, in dem Telekommunikationsgeräte und digitales Fernsehen barrierefrei zugänglich sind, wird teilweise durch die europäische Gesetzgebung und Normung bestimmt, die Herstellern und Netzbetreibern bestimmte Auflagen machen. Die EBU beteiligt sich an Normungsinitiativen, indem sie für die Schaffung technischer Standards für Empfangsgeräte für die Audiodeskription und für barrierefreie Alternativen zur Steuerung per Bildschirmmenü eintritt. Da der Bildschirm zukünftig bei immer mehr IT- und Haushaltsgeräten Einsatz finden wird, stellt der barrierefreie Zugang zu den Navigationsbildschirmen ein noch wichtigeres Thema dar als zuvor.

In ihrer gemeinsamen Arbeit mit Normungsinstituten und anderen Gremien drängt die EBU zur Behandlung der "Guide 6" der CEN-CENELEC - Leitlinien zur Erarbeitung europäischer Normen, die sich mit den Bedürfnissen älterer blinder und sehbehinderter Menschen befasst.


5.7 Umwelt und Verkehr

Die Mobilität draußen im Freien bereitet Blinden und Sehbehinderten Schwierigkeiten. Die Gestaltung der öffentlichen Verkehrsmittel sowie der Infrastruktur wie Bahnhöfe und Haltepunkte, deren bautechnischen Normen überwiegend auf europäischer Ebene festgelegt werden, hat einen Einfluss darauf, wie mühelos oder beschwerlich das selbständige Reisen für blinde und sehbehinderte Frauen, Männer und Kinder ist. Daneben ist der Einsatz von Behindertentransportdiensten auch für Blinde und Sehbehinderte hilfreich.

Architekten, Städteplaner und Designer müssen sich mit uns abstimmen und uns die Möglichkeit geben, Entwürfe und Modelle zu testen, bevor die Entscheidungen fallen. Es bringt überhaupt nichts, wenn man uns bittet, die fertige Gestaltung zu begutachten,
(Jill, 62, Großbritannien)

EBU-Mobilitätsfachleute arbeiten an der Entwicklung europäischer Standards für taktile Bodenbeläge, Blindenverkehrsampeln und andere technischer Einrichtungen, mit denen die Nutzung von Umwelt und Verkehr für Blinde und Sehbehinderte weniger gefährlich wird.


5.8 Zugang zu Information

Die Fähigkeit, schriftliche Informationen lesen zu können, ist unerlässlich für die Selbständigkeit und Fähigkeit Blinder und Sehbehinderter, alltägliche Dinge zu erledigen wie einkaufen gehen oder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Für Menschen mit Sehproblemen sind Informationen häufig nicht in der Weise verfügbar, dass sie diese auch lesen können.

Die siebenjährige Holly in Großbritannien wollte das neueste Harry-Potter-Buch zum gleichen Zeitpunkt wie ihre Freundinnen lesen. Aber sie musste drei Monate warten, bis das Buch als Großdruckausgabe herauskam.

Viele Sehbehinderte können normale Schwarzschriftinformationen lesen, wenn diese gut gestaltet sind. Hierzu muss der Text eine ausreichende Schriftgröße haben (z.B. 14 Punkt wie in der vorliegenden Publikation). Ein guter Kontrast zwischen Textfarbe und Hintergrund ist hilfreich. Manche lesen, was man Großdruck nennt, d.h. Texte mit einer Schriftgröße ab 16 Punkt.

Es gibt Verfahren, bei denen man den Text mit den Fingern liest, wie beispielsweise die Blindenschrift nach Louis Braille. Nur ein kleiner Anteil Blinder und hochgradig Sehbehinderter liest Blindenschrift regelmäßig. Sehr viel mehr nutzen taktile Markierung auf Hinweisschildern, in Aufzügen und auf Verpackungen. Das Erlernen der Blindenschrift ist für Menschen, die ihr Augenlicht in einem fortgeschrittenen Lebensabschnitt verlieren, allerdings schwieriger.

Die Blindenschrift ist für mich immer noch eine Herausforderung, die schwierig zu bewältigen ist. Vielleicht sind meine Fingerspitzen hierfür zu wenig empfindsam. Andererseits machen mir Computer, die sprechen, großen Spaß.
(Anthony, 78, Tschechische Republik)

Gesprochene Texte auf Hörkassette oder CD sind beliebte Verfahren, auf Informationen zuzugreifen, vor allem für Freizeitzwecke. Elektronische Dokumente auf Diskette oder CD-ROM werden häufiger von blinden und sehbehinderten Computerbenutzern eingesetzt.

Immer mehr Blinde und Sehbehinderte haben Zugang zum Computer entweder am Arbeitsplatz oder zuhause. Viele verfügen jedoch nicht über die finanziellen Mittel, die erforderliche Ausrüstung und Zugangstechnologie zu erwerben. Für Blinde und Sehbehinderte bestehen verschiedene Möglichkeiten, den Computer für den Zugriff zu Informationen zu nutzen:

Mit diesen Verfahren erschließt sich die gewaltige Menge an Informationen, die das Internet bietet.

Mein Arbeitgeber hat mir vor kurzem ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt, mit dem man außerhalb des Büros auf der ganzen Welt telefonieren kann. Leider kann mein Screenreader die Gebrauchsanleitung im PDF-Format auf der Webseite des Herstellers nicht lesen.

Als Vollblinder ist die Großschrift nutzlos für mich. Außerdem kann ich Blindenschrift nicht fließend lesen und würde mit der Gebrauchsanleitung nicht zurechtkommen. Mit der auf Kassette aufgelesenen Fassung könnte ich, selbst wenn diese über akustische Markierungen verfügt, nicht annähernd so mühelos und effektiv navigieren, wie dies mit der elektronischen Version möglich ist. Deshalb fühle ich mich diskriminiert.

Es ist völlig klar, eben weil sie die PDF-Bedienungsanleitung zur wichtigsten Quelle für ihren user support gemacht haben, sehen sie dessen Suchfunktion als wesentlichen Pluspunkt. Blinden und Sehbehinderten den Zugang hierzu zu verweigern, ist ganz eindeutig eine Diskriminierung.

(Christopher, Großbritannien)

Die EBU führt schon seit längerer Zeit eine Kampagne zum Thema „Zugang zu Information” im Sinne eines zentralen Rechtes blinder und sehbehinderter Menschen. 1996 hatten wir hierzu dem Europäischen Parlament eine Petition übergeben. Im vergangenen Jahr haben wir Leitlinien für die barrierefreie Gestaltung von Informationsangeboten herausgegegeben, mit denen Organisationen und Verbände die Kommunikation mit ihren blinden und sehbehinderten Verbrauchern, Wählern und Bürgern verbessern können.

Die EBU setzt ihre Kampagne zur Frage der Ausnahmeregelungen zum Urheberrecht fort. Sie ist ernsthaft besorgt, dass das Urheberecht in einer digitalen Umwelt neue Barrieren für den Zugang zu Information schaffen wird. Die Notwendigkeit, die Genehmigung von den Inhabern der Urheberrechte einholen zu müssen, kann zu erheblichen Verzögerungen bei der Herausgabe barrierefreier Informationen führen. Der Wunsch Blinder und Sehbehinderter, Informationen zu nutzen, sollte nicht als Verletzung des Urheberrechtes gelten. Aus der Übertragung von Informationen in alternative barrierefreie Formate dürfen ihnen deshalb keine Kosten entstehen.

Die meisten europäischen Länder erkennen an, dass Blinde und Sehbehinderte sich der Korrespondenz in Schwarzschrift nicht bedienen können und befördern deshalb Blindensendungen (Blindenschrift, Großdruck, Hörkassetten, Disketten und Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte) kostenlos mit der Post. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Grundsätze und Verfahren der Blindensendung im Rahmen der Liberalisierung der Postmärkte der Europäischen Union erhalten bleiben, um Mehrkosten und Unannehmlichkeiten für blinde und sehbehinderte Verbraucher zu vermeiden.


5.9 Gesellschaftliche Einstellungen und Bewusstsein

Die Schwierigkeiten, von denen blinde und sehbehinderte Männer, Frauen und Kinder berichten, entstehen vielfach aufgrund der Einstellungen der Menschen ihnen gegenüber. Diese Einstellungen wurzeln häufig in Angst, Misstrauen und Unwissen, wenn Sehende Angst haben, auf Blinde zuzugehen, und sie stattdessen lieber meiden.

Das Problem ist, soweit man hier überhaupt von einem Problem reden kann, dass sie nicht wissen, was Blindsein ist und wie man denn genau einem Blinden helfen soll. Aber das hat meistens zu tun mit Nichtwissen und übertriebener Fürsorglichkeit. Alles, was hier für Nichtbehinderte gilt, trifft auch auf uns zu.
(Eleni, 25, Griechenland)

Die Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins und die Aufklärung der Menschen über Blindheit und Sehbehinderung ist von ganz entscheidender Bedeutung. Hier kann die integrative Erziehung eine wichtige Rolle übernehmen, weil Kinder, die von früh auf mit Unterschieden zwischen den Menschen groß geworden sind, als Erwachsene wahrscheinlich weniger Vorurteile hegen werden.

Wir müssen in den Schulen arbeiten. Die Aufklärung junger Menschen und die Förderung positiver Einstellungen zur Behinderung sind sehr wichtig.
(Luisa, 38, Italien)

Eine wichtige Botschaft geht auch von der Antidiskriminierungsgesetzgebung aus. Diese hilft, eine Umwelt zu schaffen, die Blinde und Sehbehinderte schützt, und in der diskriminierendes Verhalten nicht geduldet wird.

Auch Personalschulungen zum Thema Umgang mit Behinderten können positive Auswirkungen auf die allgemeine Qualität des Kundendienstes haben.

Wichtig ist: das Personal ist kommunikativ und geht auf mich zu. Mir fehlt eben in vielen Situationen der Blickkontakt. Ich mag zum Beispiel nicht gerne durch den ganzen Saal rufen, dass ich noch einen Kaffee haben möchte. Und ist ein aufmerksamer Service nicht etwas, worüber sich alle freuen?
(Evelyn, Deutschland)



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EBU - Kontakte

Europäische Blindenunion
58, Avenue Bosquet
75007 Paris (France)
Tel : +33 1 47 05 38 20
Fax : +33 1 47 05 38 21
E-mail :ebuoffice@euroblind.org
Direktor : Mokrane Boussaid

Die genauen Anschriften aller 45 nationalen Mitgliedsorganisationen der EBU finden Sie unter membres.html



Das Zitieren dieser Publikation ist gestatet unter der Voraussetzung, dass die Quelle angegeben wird.

Danksagung : Wir möchten allen danken, die zu diesem Bericht beigetragen haben, indem sie uns von ihren Erfahrungen erzählten. Unser Dank gilt ferner Kollegen, deren Fachwissen von unschätzbarem Wert war. Insbesondere Tony Aston, Mokrane Boussaid, Rodolfo Cattani, John Heilbrunn, Sally Kneeshaw, Colin Low, Leen Petre und Yvonne Toros.

Fotos : DBSV Deutschland, NKL Finnland, RNIB Großbritannien, UIC Italien.

Übersetzung: Hans Kaltwasser, DBSV.

Diese Broschüre ist in Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch, auf Wunsch auch in Punktschrift, als Großdruck, Hörkassette sowie auf Diskette erhältlich.

© Europäische Blindenunion, im Juni 2004

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